Donnerstag, 27. Juni 2013

Off-Topic: Das Leben in der Stille

Für diejenigen, die sich jetzt vielleicht ein bisschen ab dem Titel fragen: Ich schreibe (immer noch) an meiner Maturaarbeit über Gehörlosigkeit. Bei meiner Arbeit geht es darum, herauszufinden, wie man in der Familie damit umgeht und welche Strategien man entwickelt, um den Alltag zu bewältigen.

Irgendeinmal, als ich mir mal wieder den Kopf zerbrach, zu was ich alles schreiben könnte, kam ich auf die glorreiche Idee, an meinem eigenen Leib zu erfahren, was es bedeutet, wenn man (fast) nichts hört. So steckte ich mir am Montagabend meine Ohrstöpsel ins Ohr, die Musik wurde ausgemacht und die Stille begann. Jeder, der schon mal gewöhnliche Ohrstöpsel, z.B. von Ohropax, im Ohr hatte, weiss, dass man damit natürlich trotzdem etwas hört. Mehr ist aber, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, nicht möglich, aber schon ein Tag reichte um zu bemerken, dass selbst leichte Schwerhörigkeit seine Probleme mit sich bringt. Leider musste ich aufgrund von Ohrenschmerzen, verursacht von den Ohrstöpseln, das Experiment nach einem Tag abbrechen, aber das ist Nebensache. An dieser Stelle möchte ich euch also ein wenig von meinen Erlebnissen erzählen.

Manchmal ist uns gar nicht bewusst, wie viel wir eigentlich hören. Ist euch beispielsweise bewusst, dass ihr den Regen akustisch wahrnehmt? Als ich auf dem Weg zur Schule war, hat es ganz leicht geregnet, aber ich war mir nicht sicher, ob ich meinen Schirm aufmachen soll, da ich den Regen nicht mehr gehört habe. Ansonsten verlasse ich mich immer auf dieses Geräusch, wenn Regen auf den Schirm trifft. Ist es genügend "laut" behalt ich den Schirm offen. Früher war mir das gar nicht so bewusst. Irritiert hat mich an der Geschichte vor allem die Wassertropfen, die angeblich aus dem Nichts kamen und mich total verwirrt hatten, da ich sonst sogar das Aufschlagen der Tropfen auf dem Boden höre. Schon seltsam?

Ein anderer Punkt war mir eigentlich im Voraus bewusst, und trotzdem hab ich ihn unterschätzt: Zu sprechen, wenn man die eigene Stimme nicht (gut) hört, ist echt schwierig. Ich war immer total unsicher, ob die Lautstärke stimmt. Wie ich von zahlreichen Freunden erfahren habe, habe ich tendenziell zu leise gesprochen. Das ging sogar so weit, dass mich mein Sitznachbar nicht mal mehr flüsternd verstanden hat, da ich so extrem leise gesprochen hat. Ich ihn im Gegenzug auch nicht, aber das war ja irgendwie klar. 

Die Lehrer zu verstehen war kein Problem. Diese reden ja sowieso etwas lauter und standen vor mir, wodurch ich sie gut hören konnte. Bei meinen Freunden wurde es schon etwas schwieriger. Wenn sie das Gesicht zu mir gewandt hatten, war es in der Regel kein Problem, aber sobald sie neben mir oder hinter mir standen, wurde es schon schwieriger. Da passierte es mir auch total oft, dass ich den Satzanfang verpasst hatte, da ich einfach zu spät bemerkte, dass gerade jemand mit mir sprach. Besonders schlimm war es auf dem Weg zum Schulzimmer, da im Gang der Geräuschpegel schon ziemlich hoch ist, und meine Freunde immer vor oder hinter mir liefen.

Ein anderer Punkt, der für mich weniger amüsant war, dafür für meine Freunde, war, dass ich mich total beobachtet gefühlt hatte, da man sich an mich anschleichen konnte, ohne dass ich es hörte. So war ich pausenlos damit beschäftigt, hinter mich zu schauen, um mich zu vergewissern, dass niemand hinter mir steht. Das Kommen und Gehen von Menschen bekam ich einfach nicht mehr mit über, weshalb ich sogar begonnen hatte, die Türen abzuschliessen, damit mich niemand erschrecken konnte. 

Was mir aber am meisten Probleme bereitete, womit ich definitiv nicht gerechnet hätte, war die Abwesenheit von Musik. Da ich "so gehörlos, wie möglich" sein wollte, verzichtete ich auf Musik und auf den Ton beim Fernsehen. Ich hätte echt nicht gedacht, dass mich das so stören würde, aber ich fühlte mich richtig einsam ohne meine Musik. Erst da ist mir richtig aufgefallen, wie oft ich Musik höre: beim Anziehen, Haare machen, Lernen, Hausaufgaben machen, Kochen, im Internet surfen, etc. Aber ohne diesen Geräuschpegel fühlte ich mich richtig isoliert. Und mir war langweilig. Einzig etwas Gutes hatte es: statt Fern zu schauen, habe ich wiedermal ein Buch in die Hand genommen.

Fazit:
Eigentlich wusste ich, auf was ich mich da einliess, schlussendlich war es aber ganz anders. Die Isolation bekommt man deutlich zu spüren, ebenso die Unsicherheit im normalen Umfeld. Freiwillig wiederholen würde ich diesen Selbstversuch nicht, denn angenehm ist es nicht gerade, aber zum Schluss bin ich doch froh, dass ich dieses Experiment gemacht habe, da ich die Welt der Gehörlosen nun etwas besser verstehe, sodass ich (hoffentlich) weniger Probleme beim Schreiben haben werde. Dass man als Gehörloser z.B. denkt, dass Sternschnuppen klingen, kommt mir jetzt gar nicht mehr so seltsam vor, da ich mir jetzt besser bewusst bin, was wir alles beiläufig aufnehmen, was Menschen ohne Gehör nicht können.


Kommentare:

  1. Toller Beitrag! Bei solchen Experimenten merkt man erst, was wir im Alltag alles für selbstverständlich hinnehmen und gar nicht wirklich bemerken. Finde das ein sehr interessantes Thema. Wie lang muss denn so eine Maturaarbeit sein? Und schreibst du beim Abschluss auch noch Klausuren oder musst du "nur" diese Arbeit machen?

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    1. Ja, das meiste ist uns gar nicht bewusst.

      Es sollten etwa 15-30 Seiten sein. Am Schluss ist es nur eine Note im Abschlusszeugnis, die ich aber schon im Herbst, d.h. am Anfang des letzten Jahres bekomme.

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  2. Hut ab, dass du das Experiment gewagt hast.
    Dass es nicht leicht ist, kann ich teilweise nachvollziehen, meine Ohren sind sehr empfindlich und im Winter hab ich fast immer wochenlang Ohrenentzündungen. Einmal ging das sogar über ein halbes Jahr lang und in der Zeit war ich praktisch immer auf einem Ohr taub.
    Schon allein das ist furchtbar anstrengend (Gerade die Orientierung).

    LG Kassio von Sognatrice-Books

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    1. Uh, das ist sicher nicht gerade angenehm.

      Das ist auch so eine Sache, die mir dieses Experiment aufgezeigt hat, nämlich, dass ich froh sein kann, so gut hören zu können. Insbesondere da Musik einen grossen Teil von meinem Leben bestimmt. Nachdem ich die Ohrstöpsel rausgenommen hatte, war ich viel aufmerksamer beim Musik hören.

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